Mehr Leistung mit dem richtigen Sattelgurt!

Mehr Leistung mit dem richtigen Sattelgurt!

Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen ein passender Sattelgurt auf die Biomechanik, Leistung und Gesundheit deines Pferdes hat? Leider wird diesem so wichtigen Ausrüstungsgegenstand von den Reitern bisher viel zu wenig Bedeutung beigemessen. In dem folgenden Artikel habe ich Wissenswertes aus Anatomie, Wissenschaft und meinen Erfahrungen zusammengetragen, um deutlich zu machen, wie wichtig ein guter, passender Sattelgurt zu einer besseren Verständigung/Leistung mit dem Pferd beitragen kann. Wir kennen sicher alle die Bilder von Pferden, die beim Angurten deutliches Unwohlsein zeigen, indem sie die Ohren anlegen, mit dem Kopf schlagen, beißen oder sogar nach uns treten. All das sind deutliche Zeichen dafür, dass sie das Gurten als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfinden. Wissenschaftlich bewiesen ist, dass die Passform und das Design eine enorme Auswirkung auf die Biomechanik und Wohl deines Pferdes haben, wenn die punktuell erhöhten Druckpunkte deutlich reduziert werden.

6 Fakten, die du über einen Sattelgurt wissen solltest:

1. Ein passender Sattelgurt steigert die Leistung des Pferdes

Im Rahmen einer Studie aus England wurde nachgewiesen, dass nicht wie vermutet der höchste gemessene Druckpunkt am Brustbein entsteht, sondern direkt hinter den Ellenbogen. Die Druckpunkte die am Brustbein entstehen, kommen eher von der vorderen Kante des Gurtes. Auf Basis dieser Erkenntnisse haben die Wissenschaftler zusammen mit Fairfax Saddles einen neuen Gurt entwickelt: Sie haben den Bereich direkt hinter dem Ellenbogen ausgespart, sowie den Gurt im Brustbeinbereich nach vorne verlegt und den vorderen Bereich "geöffnet", sodass die vordere kante nicht aufliegt. Weiterhin benutzt Fairfax ein Polster, welches den Druck auf dem Rumpf besser verteilt und der Haut erlaubt sich unter dem Gurt zu bewegen.

empfindlichster Druckpunkt beim Satteln

Quelle: Helle Kleven „Biomechanik & Physiotherapie für Pferde“ FN-Verlag, Warendorf

Das Resultat dieser Studie in Zusammenarbeit mit Fairfax Saddles war beeindruckend: Der punktuelle Druck im Ellenbogenbereich und am Brustbein nahm erheblich ab (um 76 bis 98%). Des Weiteren waren die Pferde in der Lage, die vorgeführten Vordergliedmaße höher anzuheben (um 6 bis 11%), mit den Hintergliedmaßen weiter nach vorn unterzutreten (um 10 bis 20%) und die Karpalgelenke (um 4%) und die Sprunggelenke (um 3%) stärker zu beugen. Für mich belegen diese Zahlen eindeutig, dass der Sattelgurt einen enormen Einfluss auf die Bewegungsfreiheit hat. Darüber hinaus hat diese Studie gezeigt, dass ein gut liegender Sattelgurt das Wohlbefinden des Pferdes deutlich steigert.

Ergebnisse der Studie von Fairfax

Quelle: Fairfax Saddles

2. Welche anatomischen Strukturen werden vom Sattelgurt beeinflusst?

Direkt unter der Haut liegt die oberflächliche Faszie. Dieses Bindegewebe umhüllt den ganzen Körper wie ein Taucheranzug (Die oberflächliche Faszie ist auch mit den tiefer liegenden Faszien verbunden, die sich u.a. in und um jeden Muskel herum, sowie in allen Organen, Bändern, Sehnen, kurzum in allen Strukturen unseres Körpers befinden). Ist diese oberflächliche Faszie in ihrer Bewegung eingeschränkt, z.B. durch zu festes Angurten, kann sich dies negativ auf die Mechanik des ganzen Pferdes auswirken.

Der Hautmuskel, der direkt unter der Faszie liegt, ist in der Gurtlage am dicksten (1,5 bis 3 cm). Er ist (ebenso wie die Faszie) sehr reich an sensiblen Nerven und daher sogar in der Lage zu spüren, wenn eine Fliege am Pferderumpf sitzt. Der Hautmuskel kann dann lokale Kontraktionen (Zuckungen) auslösen, um die Fliege zu vertreiben.

Der größte Druck entsteht durch den Sattelgurt hinter dem Ellenbogen in dem Moment, in dem das Pferd senkrecht auf dem Standbein steht. Hier kann durch permanenten Druck vom Sattelgurt der Hautreflex ausgelöst werden und durch ständigen Druck dauerhaft stimuliert werden. Dies kann zu einer Hypersensibilität in diesem Bereich führen. Den gleichen Reflex kannst du beim Putzen in der Gurtlage auslösen. Er ist daran zu erkennen, dass die Haut und der darunter liegende Muskel zittern. Nach mehrmaligem Darüberstreichen mit der flachen Hand sollte diese Reaktion nicht mehr gezeigt werden. Reagiert das Pferd jedoch weiterhin, kann es sein, dass dieser Nerv gereizt ist und dadurch Schmerzen verursacht. Ein weiteres Zeichen für zu viel Druck im Ellenbogenbereich ist die veränderte Haut (dickere schuppige Narbenhaut) und Scheuerstellen hinter dem Ellenbogen.

Stützphase im Galopp = größter Druck hinter dem Ellenbogen und je höher das Tempo, desto höher der Druck!

Foto: Helle Kleven „Biomechanik & Physiotherapie für Pferde“ FN-Verlag, Warendorf

Der Gurt übt außerdem Druck auf die Bauchmuskeln aus. Diese haben eine wichtige Funktion, da sie den Rücken aufwölben und das Becken aufrichten. Diese Mechanik ermöglicht ein weites Vorfußen der Hintergliedmaßen Richtung Schwerpunkt.

Die Schultergürtelmuskulatur (Brustmuskeln und Rumpfträger-Muskel) ist für die Stoßdämpfung wichtig, da sie den Rumpf zwischen die Schulterblätter heben und das Vor- und Zurückführen der Vordergliedmaßen unterstützten. Diese Muskeln benötigen genug Platz, um kontrahieren zu können. Behindern wir ihre Kontraktionen durch einen festgezogenen Sattelgurt, werden sowohl die Bewegungen der Vorder- als auch der Hintergliedmaßen eingeschränkt.

Darüber hinaus kann das Pferd durch die Hemmung dieser Muskelgruppen den Rumpf nicht zwischen die Schulterblätter heben und läuft dadurch permanent auf der Vorhand.

Der Sattelgurt beeinflusst sogar das Skelett des Pferdes. Er drückt auf das sensible Brustbein und die Rippen. Was das bedeutet, kannst du an dir selbst ausprobieren: Streiche einfach mit dem Finger mit etwas Druck über deine Rippen. Du wirst feststellen, dass das nicht sehr angenehm ist. Darum ist es so wichtig, dass der Gurt gut gepolstert ist und die Schnallen nicht auf der sensiblen Rippenwölbung drücken. Zu festes Gurten kann außerdem ungünstigen Druck auf die Rippengelenke, die Lunge und das Herz ausüben.

3. Ein zu straffer Sattelgurt hemmt die Leistung: wie fest darf ich gurten?

In Australien wurde eine Untersuchung durchgeführt, bei der Rennpferde mit 5, 10, 15 und 20 kg Spannung gegurtet wurden, um zu testen, ob dies einen Einfluss auf ihre Leistung hat. Um die Gewichtsangaben einordnen zu können, kannst du dir Folgendes vorstellen: Bei 5 kg Spannung liegt der Gurt locker am Rumpf, aber der Sattel ist nicht fest, er kann also rutschen. Bei 10 kg liegt der Gurt eng am Rumpf an und der Sattel liegt stabil. Alles was 15 kg Gurtspannung überschreitet, ist sehr fest. Und bei 20 kg kannst du deine Hand nicht mehr zwischen Gurt und Pferd schieben. Der Gurt hinterlässt dann einen Abdruck am Rumpf.

Das Resultat lässt aufmerken: Bereits zwischen 5 und 10 kg Spannung wurde eine erhebliche Leistungsminderung (um 17%) gemessen. Zusätzlich ermüdeten die Pferde schneller. Mit höherer Spannung gegurtet, nahm die Leistung noch weiter ab. Warum das so ist, ist nicht ganz klar. Man vermutet einen Zusammenhang zwischen dem zu hohem Druck und der Kompression der Schultergürtelmuskulatur. Dadurch wird die Muskulatur in ihrer Kontraktion und/oder Dehnung behindert. Ebenso kann die Kompression im Bereich von Herz und Lunge diese beiden Organe in ihrer Funktion einschränken und damit die Leistung beeinträchtigen. Die schnellere Ermüdung ist auch einen Sicherheitsfaktor, wenn wir an die körperlichen Anforderungen an ein Vielseitigkeitspferd denken: Durch zunehmende Ermüdung wird das Überwinden der festen Hindernisse immer schwieriger und gefährlicher. Darüber hinaus steigt auch die Verletzungsgefahr von Muskeln, Sehnen und Bänder.

Interessant zu wissen ist auch, dass der punktuelle Druck deutlich steigt in Zusammenhang mit dem Tempo: bei einer Temposteigerung von 10% steigt der Druck im Schritt um 5% und im Trab um 14%. Den Galopp haben die Wissenschaftler noch nicht wissenschaftlich ausgewertet, aber sie vermuten einen enormen Zuwachs des Drucks auf den Rumpf erzeugt durch den Sattelgurt.

Mein Rat: Bitte immer so locker wie möglich gurten, aber natürlich so fest, dass die Sicherheit gewährleistet ist. In der Praxis wird der Gurt oft zu fest angezogen. Führen wir uns aber vor Augen, welche Strukturen sich unter dem Gurt befinden (u.a. Muskeln, Bindegewebe, empfindliche Rippen und Rippengelenke, Brustbein, Nerven und Blutgefäße), dann sollte deutlich werden, warum zu festes Gurten dem Pferd schadet. Man sollte auch bedenken, dass die Muskeln während der Arbeit kürzer und dicker werden, und sich der Druck im Lauf des Trainings daher erhöhen kann.

wie fest darf ich gurten?

"immer so locker wie möglich gurten, aber natürlich so fest, dass die Sicherheit gewährleistet ist"

Foto: Helle Kleven „Biomechanik & Physiotherapie für Pferde“ FN-Verlag, Warendorf

4. Das Geheimnis eines guten Sattelgurtes liegt in seiner Form - und der des Pferdes

Wie bereits oben erwähnt, sollte ein guter Sattelgurt im Ellenbogenbereich ausgeschnitten und die Auflagefläche im Bereich des empfindlichen Brustbeins groß und weich sein.

Der Gurt soll in der Gurtlage liegen. Diese kann allerdings bei den Pferden sehr unterschiedlich sein. Versucht man den Gurt weiter nach hinten oder nach vorne zu legen, als es die Gurtlage vorgibt, wird er (und mit ihm der Sattel) während des Reitens nach vorne bzw. hinten rutschen. Daher ist es wichtig, dass die Sattelstrippen gerade nach unten zur Gurtlage zeigen.

Nicht jeder Gurt passt zu jedem Pferd. Die Pferde haben unterschiedliche Gurtlagen und Rumpfformen, dies muss bei der Auswahl des Gurtes berücksichtigt werden. Leider sehe ich oft, dass die Gurtform nicht zum Pferderumpf passt. Das Resultat ist, dass der Sattel rutscht oder der Gurt unangenehmen, punktuellen Druck in der Gurtlage ausübt.

Nicht nur ein nicht passender Sattelgurt kann zu einer Empfindlichkeit in der Gurtlage führen. In einer weiteren, amerikanischen Studie wurde festgestellt, dass viele Pferde von Geburt an in diesem Bereich empfindlich sind und es ihr Leben lang bleiben. Ist das der Fall, müssen wir auf jeden Fall darauf Rücksicht nehmen und für diese Pferde einen besonders gut gepolsterten Sattelgurt auswählen.

5. Mit oder ohne Elastik am Sattelgurt?

Oft werden im Handel Sattelgurte mit elastischen Strippen an einer Seite angeboten. Ich persönlich bin kein Freund dieses Systems. Der Gummizug auf der einen und der starre Zug auf der anderen Seite führen zu einer unterschiedlichen Spannung am Rumpf, die dort zu Blockaden führen kann. Noch dazu befindet sich eine Nahtkante am Übergang des Gummis zum Leder oder Neopren, die für das Pferd sehr unangenehm sein kann.

In einer wissenschaftlichen Untersuchung aus 2011 haben Wissenschaftler keinen Vorteil mit elastischen Sattelgurten feststellen können. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es Pferde gibt die mit elastischem Gurt besser laufen. Speziell Pferde die Probleme mit der Lunge und/oder Herz haben, finden die elastische Sattelgurte deutlich angenehmer. Aber dann mit Elastikbändern beidseitig oder am besten am Brustbein befestigt. Ein Nachteil bei dem elastischen Gurt ist, wenn man ein Pferd mit viel Schwung hat, hier kann ein elastischer Sattelgurt schnell Instabilität von Sattel und Reiter hervorrufen, was das Pferd dann ausbalancieren muss. Dann ist ebenfalls eine Einschränkung der Kinematik des Pferdes zu erwarten.

6. welche Länge wähle ich bei einem Kurzgurt?

Ein Kurzgurt muss so lang sein, dass der Ellenbogen beim Zurückführen des Vorderbeins nicht mit den Gurtschnallen in Berührung kommt. Um das zu verhindern, aber auch damit die Sattelstrippen eine kleinere Auflagefläche auf dem Pferd haben, ist es mir am liebsten, wenn der Gurt fast bis zum Sattelblatt reicht (Die Sattelstrippen üben einen sehr hohen punktuellen Druck am Rumpf aus. Je kürzer der Gurt, desto größer ist ihre Auflagefläche).

Die Gurtschnallen müssen beim Kurzgurt gut abgepolstert sein (oft mangelhaft bei Neoprengurten). Die Rippen beim Pferd sind, wie bei uns auch, sehr empfindlich. Drücken sich die Gurtschnallen durch, entsteht permanent ein unangenehmer Druck auf die Faszie, die Muskulatur und die darunterliegenden Rippen.

Zu kurzer Sattelgurt

Auf dem Foto ist der Sattelgurt viel zu kurz, er hemmt die Rückwärtsbewegung des Vorderbeins und ist im Ellbogenbereich schmerzhaft.

Foto: Helle Kleven „ Biomechanik & Physiotherapie für Pferde“ FN-Verlag, Warendorf

 

Wir im Helle Kleven Shop haben all unsere Sattelgurte auf Herz und Nieren geprüft und führen mit Überzeugung Gurte von Fairfax, Prolite, Mattes, Stübben.

  

Meine Ratschläge zum Schluss:

  1. Die Gurtlage vor und nach jedem Reiten kontrollieren
  2. Rücksicht nehmen, wenn das Pferd deutlich zeigt, dass ihm das Gurten unangenehm ist
  3. Keinen Gurt mit Kanten wählen (Übergang Leder/Gummi)
  4. Wähle einen Sattelgurt mit ausreichend Ellenbogenfreiheit
  5. Langsam angurten
  6. Kein einseitiges Gummi-/elastisches Material – es führt zu unterschiedlicher Spannung am Rumpf. Entweder beidseitig Gummi oder gar keins
  7. Beidseitig nachgurten, also den Gurt nicht immer auf der linken Seite anziehen. Wie bei den einseitigen Gummigurten entsteht eine unterschiedliche Spannung am Rumpf, die die Leistung beeinträchtigen kann
  8. Bei beidseitigen Gummistrippen nicht zu fest gurten (man tendiert bei diesen Sattelgurten schnell dazu!)
  9. Nicht zu fest Gurten und bitte die Hebelwirkung beachten, wenn Du vom Sattel aus nachgurtest!

Noch mehr Bildmaterial findet ihr in unserer aktuellen Story auf Instagram und wenn ihr mehr Infos zu unseren einzelnen Sattelgurten haben wollt, gelangt ihr hier zu unserer Auswahl.

Quellenangaben:
1.Bower, J., Slocombe, R.F., 2005. Comparison of girth materials, girth tension and their effects on performance in racehorses. Australian Vet. Journal 83,68-74
2. Colbourn , G.R., Allen, R.J., Wilson R.J.R., Marlin, D.J., Franklin, S.H., 2008.Thoracic geometry changes during equine locomotion. Equine and Comparative Exercise Physiology 3, 53-59 
3. Hoffman A.M.., Swanson, L.G.., Bruns, S.J. Kuehn, H., Bedenice, D., 2005. Effect of tension of the girth strap on respiratory system mechanics in horses at rest and during hyperpone induced by administration of lobeline hydrochloride. American Journal Vet. Research 66, 1167-1174
4. Murrey, R.; Guire, Russell Fisher, Mark: Fairfax, Vanessa. 2013. Girth pressure measurements reveal high peak pressures that can be avoided using an alternative girth design that also results in increased limb protraction and flexion in the swing phase. The vet. Journal 198 ,92-97
5. Wright, S., 2010. Girth tension and their variability while standing and during exersice. Physiology 7, 141-148
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